Kategorie: Einsegner

  • Schon vor der Tür

    Schon vor der Tür

    Brüder, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. Seht, der Richter steht schon vor der Tür.

    Jak 5, 7–8.9b

  • Hymnus

    Wo ein Mensch Vertrauen gibt,
    nicht nur an sich selber denkt,
    fällt ein Tropfen von dem Regen
    der aus Wüsten Gärten macht.

    Wo ein Mensch den andern sieht,
    nicht nur sich und seine Welt,
    fällt ein Tropfen von dem Regen,
    der aus Wüsten Gärten macht.

    Wo ein Mensch sich selbst verschenkt
    und den alten Weg verlässt,
    fällt ein Tropfen von dem Regen,
    der aus Wüsten Gärten macht.

    Text: Hans-Jürgen Netz 1974, Melodie: Winfried Heurich 1974, alle Rechte im tvd-Verlag, Düsseldorf, GL 839 (Anhang Limburg) · GL 1975 (Anhänge)

  • Tränen gehören zur Liebe

    Tagesgebet am Dienstag, 28.7.2026

    Gütiger Gott, durch das Wirken deiner Gnade schenkst du uns schon auf Erden den Anfang des ewigen Lebens. Vollende, was du in uns begonnen hast, und führe uns hin zu jenem Licht, in dem du selber wohnst. Darum bitten wir durch Jesus Christus.


    Lesung aus dem Buch Jeremia
    (Jer 14,17b–22)

    Meine Augen fließen über von Tränen bei Nacht und bei Tag und finden keine Ruhe. Denn einen großen Zusammenbruch erlitt die Jungfrau, die Tochter, mein Volk, eine unheilbare Wunde.

    Gehe ich aufs Feld hinaus – siehe: vom Schwert Durchbohrte! Komme ich in die Stadt – siehe: vom Hunger Gequälte! Ja, auch Prophet und Priester ziehen in ein Land, das sie nicht kennen.

    Hast du denn Juda ganz verworfen, wurde dir Zion zum Abscheu? Warum hast du uns so geschlagen, dass es für uns keine Heilung mehr gibt? Wir hofften auf Heil, doch kommt nichts Gutes, auf die Zeit der Heilung, doch siehe: nur Schrecken!

    Wir erkennen, HERR, unser Unrecht, die Schuld unserer Väter: Ja, wir haben gegen dich gesündigt. Um deines Namens willen verschmäh nicht, verstoß nicht den Thron deiner Herrlichkeit! Gedenke! Brich nicht deinen Bund mit uns!

    Gibt es etwa Regenspender unter den Götzen der Völker? Oder ist es der Himmel, der von selbst regnen lässt? Bist nicht du es, HERR, unser Gott? Wir setzen unsere Hoffnung auf dich; denn du hast dies alles gemacht.


    Impuls

    Tränen gehören zur Liebe.

    Jeremia verschweigt den Schmerz nicht. Er spricht von Tränen, von einer Wunde, die unheilbar scheint, und von der Sehnsucht nach Heilung. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, kennt solche Worte. Manchmal fühlt es sich an, als wäre das eigene Leben aus den Fugen geraten.

    Auffallend ist: Jeremia klagt Gott nicht an. Er spricht mit Gott. Er hält seine Fragen, seine Verzweiflung und seine Hoffnung zugleich in Gottes Hände. Das ist Glaube: nicht auf alle Fragen eine Antwort zu haben, sondern auch mit den offenen Fragen bei Gott bleiben zu können.

    Der Tod beendet ein gemeinsames Leben auf dieser Erde. Die Liebe aber endet nicht. Was wir miteinander geteilt haben, bleibt Teil unseres Lebens. Dankbarkeit kann neben der Trauer wachsen. Hoffnung darf neben den Tränen ihren Platz finden.

    Vielleicht ist heute kein Tag für große Entscheidungen. Vielleicht genügt es, den nächsten kleinen Schritt zu gehen. Einen Menschen anzurufen. Eine Kerze anzuzünden. Den Namen des Verstorbenen auszusprechen. Oder einfach still vor Gott zu sitzen.

    Gott erschrickt nicht über unsere Tränen. Er bleibt an unserer Seite – und führt uns Schritt für Schritt zurück ins Leben.

  • Wie ich Einsegner wurde

    Es gibt Entscheidungen, die trifft man. Und es gibt Berufungen, die finden einen.

    Lange Zeit hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Menschen am Ende ihres Lebensweges begleiten würde. Mein beruflicher Weg führte mich durch die Wirtschaft, viele Jahre lang begleitete Manager bei Führung, Veränderung und den Fragen, wie Menschen gut zusammenarbeiten können. Erfolg, Verantwortung und internationale Projekte prägten meinen Alltag.

    Doch das Leben stellt manchmal Fragen, auf die man nicht mit dem Kopf antworten kann.

    Im Laufe der Jahre wurde ich immer häufiger mit Abschied, Krankheit und Tod konfrontiert. Freunde verloren geliebte Menschen. Familien baten mich, sie zu begleiten. Immer öfter saß ich an Küchentischen, hörte zu, schwieg, weinte mit und suchte gemeinsam nach Worten, wenn eigentlich keine Worte mehr möglich schienen.

    Dabei machte ich eine überraschende Erfahrung.

    Die meisten Menschen brauchen in den schwersten Stunden ihres Lebens keine perfekten Antworten. Sie brauchen einen Menschen, der da ist. Der zuhört. Der die Tränen aushält. Der nicht vorschnell erklärt, sondern Hoffnung offenhält.

    Langsam wurde mir bewusst, dass genau darin meine Aufgabe liegen könnte.

    Ich begann eine intensive theologische Ausbildung, vertiefte mich in die Heilige Schrift und übernahm mehr Dienste als Lektor und Kommunionspender im Wiener Stephansdom. Dort durfte ich erfahren, wie viel Trost von einem einfachen Segen, einer stillen Geste oder einem gemeinsam gesprochenen Gebet ausgehen kann.

    Je mehr ich Menschen auf ihrem letzten Weg begleitete, desto klarer wurde mir: Der Tod ist nicht nur das Ende eines Lebens. Er ist auch eine Stunde der Wahrheit.

    In diesen Stunden werden Titel unwichtig. Besitz verliert seine Bedeutung. Was bleibt, sind Liebe, Versöhnung, Dankbarkeit und die Spuren, die ein Mensch im Leben anderer hinterlassen hat.

    Genau diese Spuren sichtbar zu machen, ist für mich heute das Herz jeder Abschiedsfeier.

    Ich möchte keinen Lebenslauf vorlesen. Ich möchte erzählen, wer dieser Mensch wirklich war. Was ihn geprägt hat. Wofür er geliebt wurde. Woran man sich erinnern wird.

    Für mich ist jede Trauerfeier deshalb weit mehr als eine Zeremonie.

    Sie ist ein heiliger Moment.

    Nicht, weil alles religiös sein muss. Sondern weil hier etwas geschieht, das größer ist als wir selbst: Liebe begegnet der Endlichkeit.

    Als Christ glaube ich, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort überlassen hat. Die Auferstehung Jesu ist für mich keine schöne Idee, sondern der Grund meiner Hoffnung. Deshalb spreche ich den Segen nicht als magische Formel, sondern als Zusage: Kein Mensch fällt tiefer als in die Hände Gottes.

    Diese Hoffnung möchte ich weitergeben – behutsam, respektvoll und ohne sie jemandem aufzudrängen.

    Nicht jede Familie wünscht eine ausdrücklich christliche Feier. Das respektiere ich. Zuhören kommt immer vor Reden. Vertrauen kommt vor jeder Botschaft.

    Vielleicht ist genau das das Schönste an meiner Berufung: Immer wieder erlebe ich, dass Menschen nach einer Abschiedsfeier sagen: „Es war traurig – und gleichzeitig schön.“

    Wenn das gelingt, ist etwas Kostbares geschehen.

    Dann wurde nicht nur Abschied genommen. Dann durfte Liebe noch einmal spürbar werden.

    Heute nennen mich viele Menschen „Einsegner“. Ich empfinde diesen Namen nicht als Titel, sondern als Auftrag. Denn Segen bedeutet für mich, einem Menschen zuzusagen:

    Du bist geliebt. Dein Leben hatte Bedeutung. Und deine Geschichte endet nicht mit dem letzten Atemzug.

  • Der Mönch, der uns das Staunen zurückgab

    Eine Würdigung zum 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast am 12.7.2026.

    „Die Wurzel der Freude ist die Dankbarkeit. Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“

    Foto: Diego Ortiz MUGICA

    Kaum ein Satz wird so häufig mit Bruder David Steindl-Rast verbunden wie dieser. Er ist längst zu einer Art Lebensmotto für Millionen Menschen geworden. Und doch erschöpft sich das Lebenswerk dieses außergewöhnlichen Benediktiners keineswegs in einem schönen Zitat. Hinter ihm steht ein Jahrhundert gelebter Geschichte, tiefer Spiritualität und unermüdlicher Suche nach dem, was Menschen wirklich trägt.

    Am 12. Juli 2026 vollendete David Steindl-Rast sein hundertstes Lebensjahr. Geboren wurde er am 12. Juli 1926 in Wien als Franz Kuno Steindl. Er erlebte den Nationalsozialismus, den Krieg, den Zusammenbruch Europas, den Wiederaufbau und die Umbrüche der Moderne. Aus diesen Erfahrungen erwuchs keine Bitterkeit, sondern eine Haltung, die sein ganzes weiteres Leben prägen sollte: eine wache Aufmerksamkeit für das Geschenk des Lebens.

    Der Krieg als Lehrmeister

    Wer Bruder David zuhört, spürt schnell, dass seine Gedanken nicht am Schreibtisch entstanden sind. Immer wieder erzählt er vom letzten Kriegsjahr. Freunde wurden eingezogen und fielen. Niemand rechnete damit, zwanzig Jahre alt zu werden. Jeder Tag konnte der letzte sein.

    Gerade diese Erfahrung führte zu einer überraschenden Erkenntnis.

    Nicht die Angst blieb.

    Sondern eine ungeheure Intensität des Lebens.

    Er beschreibt rückblickend, dass seine Generation gerade deshalb so lebendig gewesen sei, weil sie ganz im Augenblick leben musste. Erst nach Kriegsende wurde ihm bewusst, welch kostbares Geschenk diese Haltung gewesen war. Später fand er dafür in der Regel des heiligen Benedikt die Worte:

    „Den Tod allezeit vor Augen haben.“

    Für viele klingt dieser Satz düster. Für Bruder David wurde er zum Schlüssel für ein erfülltes Leben. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, entdeckt den unendlichen Wert des gegenwärtigen Augenblicks.

    Ein außergewöhnlicher Bildungsweg

    Nach dem Krieg studierte David Steindl-Rast zunächst Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Psychologie und Anthropologie an der Universität Wien. 1952 promovierte er zum Dr. phil. in Psychologie. Im selben Jahr folgte er seiner Familie in die Vereinigten Staaten und trat in das neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour im Bundesstaat New York ein.

    Dort begann ein Leben, das Wissenschaft, klösterliche Spiritualität und den Dialog mit anderen Religionen miteinander verbinden sollte.

    Später wurde er zu einem der international bekanntesten Benediktiner und zu einer der bedeutendsten Stimmen des interreligiösen Dialogs. Gemeinsam mit Vertretern des Buddhismus, des Judentums, des Islam und anderer Traditionen suchte er nach dem, was Menschen verbindet, ohne die Unterschiede zu verwischen. Für diese Brückenarbeit erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Martin-Buber-Preis.

    Staunen – Beziehung – Dankbarkeit

    Wer Dankbarkeit hört, denkt häufig an gute Manieren. Für Bruder David bedeutet sie weit mehr.

    Sie ist nicht der Ausgangspunkt seines Denkens, sondern dessen Frucht.

    Am Anfang stehen das Staunen, die Erfahrung der Verbundenheit und die Einsicht, dass unser Leben Geschenk ist.

    Wir haben uns weder erschaffen noch verdient. Wir sind uns selbst gegeben. Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Vertrauen, sogar der nächste Atemzug – nichts davon ist selbstverständlich.

    Darum formuliert er seinen wohl bekanntesten Gedanken so überraschend:

    „Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“

    Diese Umkehrung verändert den Blick auf das Leben grundlegend. Freude wird nicht länger zur Voraussetzung der Dankbarkeit. Vielmehr öffnet Dankbarkeit den Menschen für jene Freude, die selbst schwierige Zeiten überdauern kann.

    Das Geschenk des Jetzt

    Ein zweiter Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

    Wir begegnen unserem Leben immer im Jetzt.

    Vergangenheit begegnet uns als Erinnerung.

    Zukunft als Hoffnung oder Sorge.

    Beides geschieht im gegenwärtigen Augenblick.

    Zeit versteht Bruder David deshalb nicht als Gegner, sondern als Geschenk. Jeder neue Augenblick eröffnet eine neue Möglichkeit, das Leben bewusst anzunehmen. Wird eine Gelegenheit versäumt, schenkt das Leben eine weitere.

    Auch sein Verständnis der Ewigkeit entspringt dieser Erfahrung. Ewigkeit ist für ihn nicht eine unendlich lange Zeit. Sie ist das zeitlose Jetzt Gottes, das allem Leben zugrunde liegt und in dem nichts von dem verloren geht, was in Liebe gelebt wurde.

    Diese Sichtweise nimmt dem Tod nicht seinen Schmerz.

    Aber sie nimmt ihm seine letzte Macht.

    Ein Benediktiner mit weitem Herzen

    Viele schätzen Bruder David gerade deshalb, weil seine Sprache weit über kirchliche Grenzen hinaus verstanden wird. Er spricht selten in dogmatischen Formeln. Stattdessen beginnt er bei Erfahrungen, die jeder Mensch kennt:

    Staunen.

    Beziehung.

    Vertrauen.

    Zugehörigkeit.

    Dankbarkeit.

    Dabei bleibt er Benediktiner. Seine Spiritualität wurzelt tief in der Regel des heiligen Benedikt und in der Liturgie der Kirche. Zugleich sucht er den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen.

    Innerhalb der katholischen Theologie werden einzelne seiner theologischen Schlussfolgerungen – etwa zum Verhältnis der Religionen, zu bestimmten Aussagen des Credo oder zum Verständnis Christi – durchaus kritisch diskutiert. Seine Spiritualität der Dankbarkeit, der Gegenwart und der Achtsamkeit findet hingegen weit über konfessionelle Grenzen hinaus große Anerkennung.

    Rainer Maria Rilke – ein geistiger Weggefährte

    Zu den Dichtern, die Bruder David besonders geprägt haben, gehört Rainer Maria Rilke. Viele seiner Gedichte trägt er auswendig vor.

    Rilkes Rose, der Weinberg, der uralte Turm oder die „wachsenden Ringe“ werden für ihn zu Bildern einer Spiritualität des Staunens. Gott erscheint nicht als fernes Wesen, sondern als das große Geheimnis, das alles trägt.

    Vielleicht erklärt gerade diese Verbindung von Poesie und Glaube die Schönheit seiner Sprache. Sie überzeugt selten durch Argumente allein. Sie lädt ein.

    Was bleibt?

    Bruder David hat keine neue Ordensgemeinschaft gegründet und keine eigene Kirche ins Leben gerufen. Gemeinsam mit anderen hat er jedoch das internationale Netzwerk A Network for Grateful Living mit aufgebaut, das seine Spiritualität der Dankbarkeit bis heute weiterträgt.

    Sein eigentliches Vermächtnis liegt jedoch tiefer.

    Er hat unzähligen Menschen geholfen, den Glauben nicht zuerst als System von Antworten, sondern als Einladung zum bewussten Leben zu verstehen.

    Als Einsegner begegne ich häufig Menschen am Ende eines Lebens. Fast nie erzählen sie von beruflichen Erfolgen oder materiellem Besitz. Sie erzählen von Begegnungen. Von Liebe. Von gemeinsam verbrachter Zeit.

    Vielleicht hätte Bruder David genau darin den Ursprung aller Dankbarkeit gesehen.

    Nicht im Außergewöhnlichen.

    Sondern im Geschenk des Gewöhnlichen.

    Heute, hundert Jahre nach seiner Geburt, erinnert er uns daran, dass das Leben nicht zuerst eine Aufgabe ist, die gelöst werden muss, sondern ein Geschenk, das angenommen werden will.

    Vielleicht ist das sein schönstes Vermächtnis:

    Heute einmal bewusst innehalten.

    Staunen.

    Und danken.

    Nicht weil alles vollkommen ist.

    Sondern weil mitten im Unvollkommenen unendlich viel Geschenk verborgen liegt.


    Quellen

    • ORF Ö1, „Lebenskunst – Dem Leben vertrauen. Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast“, Gestaltung und Moderation: Mag. Johannes Kaup, Erstausstrahlung 12. Juli 2026. Grundlage dieser Würdigung war das vollständige Sendungsmanuskript.
    • David Steindl-Rast: Ich bin durch dich so ich.
    • David Steindl-Rast: 99 Namen Gottes.
    • David Steindl-Rast, Alexandra Kreuzeder: Herzwerk.
    • Bibliothek David Steindl-Rast.
    • Regula Benedicti (Benediktsregel), Kapitel 4.
  • Du

    Du bist der Morgen,
    den meine Nächte
    suchen.

    Du bist die Sonne,
    die in meinen Dunkelheiten
    aufgeht.

    Du bist der Anfang
    hinter meinen Schlussstrichen,
    du unermüdlicher Gott.

    Bernhard Meuser, © beim Autor
    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch
    Hymnus aus dem Morgengebet
    22.6.2026

  • Warum gibt es Leid?

    „Warum leidet der Unschuldige?
    Das ist eine große Frage, die schon Dostojewski gestellt hat:
    Warum leiden Kinder?
    Diese Frage stellen wir uns alle.“

    Papst Franziskus gibt darauf keine theoretische Antwort. Er verweist zunächst auf den gekreuzigten Christus: Wer nach dem Leid der Unschuldigen fragt, soll auf den Sohn Gottes am Kreuz schauen. Dann führt er den Gedanken weiter: Gott hat den Menschen als freies Wesen geschaffen. Er respektiert die menschliche Freiheit so sehr, dass er sie nicht einmal dann aufhebt, wenn Menschen Böses tun. Selbst das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz wurde nicht verhindert. Denn eine Welt ohne Freiheit wäre auch eine Welt ohne echte Liebe.

    „Und hier kommt die Liebe ins Spiel.
    Ohne Freiheit können wir nicht lieben.
    Denn Liebe setzt eine Wahl voraus.

    Die bedingungslose Liebe eines Vaters oder einer Mutter für ihr Kind und umgekehrt, die Liebe zwischen Eheleuten, zwischen Verlobten, die Liebe für das Leben und die Liebe zu den Menschen setzen alle eine Wahl voraus.

    Entweder ich liebe oder auch nicht. Oder ich hasse.

    Aber wenn ich nicht die freie Wahl hätte,
    könnte ich nicht lieben.“

    Papst Franziskus im Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortesvon Wim Wenders.

    Diese kurze Sequenz habe ich mit dem Handy vom Fernseher abgefilmt. Vermutlich nicht ganz legal – vermutlich aber ganz im Sinne von P. Franziskus und Wim Wenders.

    Trailer 2 Deutsch (1:31)
    Trailer Deutsch lang (6:13)

    Wikipedia über den Film


    Wie wurde ich auf den Film im Juni 2026 aufmerksam?

    Relativ egal, welche Zeitung ich gerade lese – überall taucht derzeit die Geschichte auf, dass Wim Wenders vor 50 Jahren eine Szene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski gedreht hat. Heute habe ich gelesen, dass er sich dafür entschuldigt und den Film aus dem Verkehr gezogen hat. Tatsächlich ist „Falsche Bewegung“ zumindest auf Prime Video derzeit nicht mehr verfügbar.

    Die ZEIT: Kinski äußert sich zu Debatte um ihre Nacktszene in Wenders-Film

    Das hat mich neugierig auf Wim Wenders gemacht. Einige seiner Filme kannte ich bereits. Ein Projekt hatte ich allerdings nie verfolgt:

    „Nachdem das Büro von Wim Wenders 2013 einen Brief vom Vatikan mit der Anfrage erhalten hatte, ob Wenders Interesse an einem Film über Papst Franziskus habe, wurde nach detaillierter Abklärung der Bedingungen, unter denen das Projekt durchgeführt werden sollte, Anfang 2016 mit den Dreharbeiten begonnen.“

    So entstand der Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, der 2018 in die Kinos kam.

    Ich hatte ihn damals nicht gesehen. Heute haben Yuliya und ich ihn ganz in Ruhe angesehen – und ich bin begeistert. Zu sehen sind Originalaufnahmen aus dem Leben des verstorbenen Papstes, von denen ich viele noch nie gesehen hatte. Mehrmals haben wir den Film angehalten und darüber gesprochen.

    Mit so viel Liebe, Kompetenz und dramaturgischem Einfühlungsvermögen zusammengestellt, dass daraus ein filmisches Meisterwerk geworden ist – und nicht die bloße Dokumentation, die ich erwartet hatte.

    Fast am Ende gibt es eine Szene, in der Papst Franziskus auf die berühmte Frage eingeht, warum es Leid gibt. Theoretisch ist die Antwort bekannt. Aber so warmherzig, menschlich und glaubwürdig habe ich sie noch nie gehört wie aus dem Mund von Franziskus in seiner Muttersprache.

    Ich konnte nicht anders und habe den kurzen Ausschnitt einfach mit dem Handy gefilmt.

  • Beistand und Zuversicht

    Aus den Händen aller, die uns hassen, errette uns, o Herr.

    Bitten

    Salz der Erde, Licht der Welt: das sind Menschen wie Elija, die anderen Beistand und Zuversicht sind, die in scheinbar aussichtsloser Zeit Fenster der Hoffnung aufstoßen. Bitten wir Gott, der uns ruft:

    A: Erfülle uns mit deinem Geist.

    – Dass wir den Menschen nahe sind, die du uns anvertraut hast.
    – Dass nichts uns vom Vertrauen auf deinen Beistand abbringt.
    – Dass wir auch in Situationen beieinander ausharren, in denen wir mit unserem Latein am Ende sind.

    A: Erfülle uns mit deinem Geist.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, 9.6.2026